„Erinnern allein reicht nicht – man muss auch etwas dafür tun“ – Zeitzeugin zu Gast an der AWG

Michaela Vidláková war in Uetze zu Gast.

Am vergangenen Dienstag, 25. Februar 2026, war mit Michaela Vidláková eine besondere Zeitzeugin an der Aurelia-Wald-Gesamtschule zu Gast. Die Überlebende des Ghettos Theresienstadt sprach vor Schülern des 9. und 10. Jahrgangs über ihr Leben. Organisiert wurde der Besuch in Kooperation mit Arbeit und Leben Niedersachsen von Nina Rittmeier, Jahrgangsleitung 9, und Katharina Przybilski, Fachleitung Gesellschaftslehre.

Michaela Vidláková wurde am 30. Dezember 1936 als jüdisches Kind in Prag geboren. Sie berichtete von den politischen Entwicklungen jener Zeit und davon, wie sich ihr Alltag früh grundlegend veränderte. Sie schilderte den Boykott jüdischer Geschäfte und die zunehmende Ausgrenzung. „Keiner wollte mehr mit mir spielen. Ich fragte, aber sie sagten Nein“, erzählte sie. Ihre Mutter habe sie getröstet und gesagt, jeder Krieg gehe einmal vorbei, dann könne sie wieder mit ihren Freunden spielen. Das habe ihr Mut und Hoffnung gegeben, auch wenn damals niemand gewusst habe, was noch bevorstand.

1942 erhielt die Familie die Aufforderung zur Deportation nach Theresienstadt. „Erst später merkten wir, dass alles anders war als gedacht. Keiner hat geahnt, dass uns im Osten der Tod erwartet.“ Sie durften einen Rucksack mit Lebensmitteln für drei Tage und dem Nötigsten packen. Ihre Eltern hätten vorausschauend gehandelt und unter anderem eine Taschenlampe zum Kurbeln sowie Nadel und Faden eingepackt. Sie selbst bekam extra große Schuhe, damit sie länger passen würden, und nahm als einziges Spielzeug einen kleinen Hund mit, den ihr Vater für sie gebaut hatte und der – ebenso wie sie – die Zeit überlebte.

In Theresienstadt erlebte sie Angst, Krankheit und Entbehrung. Sie erkrankte schwer an Masern, Scharlach und Bauchtyphus. Es habe zwar Ärzte gegeben, aber keine Medikamente. Ein Jahr habe ihre Genesung gedauert. Diese Erfahrung habe sie nachhaltig geprägt und ihr Interesse an der Medizin geweckt. „Menschliches Leben zu retten ist wichtig, denn das menschliche Leben ist das Teuerste, was wir haben“, sagte sie. Später studierte sie Naturwissenschaften mit den Schwerpunkten Biologie und Chemie und arbeitete in einem Forschungsinstitut.

Besonders eindrucksvoll schilderte sie, wie sie die deutsche Sprache lernte. Ein Junge aus Berlin, der mit ihr auf der Krankenstation lag, brachte ihr Deutsch bei. Innerhalb eines Jahres habe sie die Sprache gelernt. Der Junge sei später mit einem Krankentransport zur „Besserung“ gebracht worden, vermutlich jedoch in den Tod.

Mehrfach betonte sie, wie sehr Zufälle über Leben und Tod entschieden hätten. Ihr Vater sollte 1944 nach Auschwitz deportiert werden. In der Nacht vor dem Transport beschädigte ein Sturm ein Dach. Drei Männer, darunter ihr Vater, halfen bei der Reparatur, der Zug fuhr ohne sie ab. Es war der letzte Transport nach Auschwitz. „Wir hatten einfach sehr viel Glück“, sagte sie. Ihre Mutter habe bis 1942 an der jüdischen Schule in Prag fast 40 Schüler unterrichtet, von denen nur eine überlebte. „Und wenn man Kinder und Jugendliche tötet, dann tötet man die Zukunft“, betonte Michaela Vidláková.

Zu Beginn ihres Vortrags zitierte sie den Theologen Friedrich Schorlemmer mit den Worten: „Erinnern kann nicht ungeschehen machen, aber die Wiederholungswahrscheinlichkeit verringern.“ Sie ergänzte: „Man muss auch etwas dafür tun.“ Immer wieder zog sie Parallelen zur Gegenwart. Hautfarbe oder Religion dürften niemals darüber entscheiden, wie ein Mensch behandelt werde. Sie verwies auch auf wissenschaftliche Errungenschaften jüdischer Forscher wie die Polio-Impfung von Jonas E. Salk oder den Defibrillator von Paul Zoll. Geschichte könne sich wiederholen, wenn man nicht wachsam bleibe, so ihre eindringliche Botschaft.

In der anschließenden Fragerunde nutzten die Schüler die Gelegenheit zum Austausch. Auf die Frage, ob sie die Deutschen gehasst habe, antwortete sie: „Natürlich haben wir die Deutschen als Feind gesehen, aber Angst hat uns davon abgehalten, etwas zu tun. Wir wussten, unser Verhalten entschied darüber, was mit uns geschehen würde.“ Auf die Frage, ob Kleidung enteignet worden sei, erklärte sie, dass nicht alles, aber etwa Pelze und dicke Mäntel beschlagnahmt worden seien. Eine Kennzeichnung als jüdisch habe sich nicht vermeiden lassen, da stets Papiere mitgeführt werden mussten.

Zu den langfristigen Auswirkungen sagte sie, sie könne bis heute nichts wegwerfen, was sich noch reparieren lasse. Luxus brauche man nicht, um glücklich zu sein. „Man braucht Brot, Wasser, ein Dach über dem Kopf, Freunde und eine gute Familie. Und vor allem: Freiheit und Frieden.“ Auf die Frage nach positiven Erinnerungen nannte sie die Zeit im Kinderheim in Theresienstadt sowie einen Moment nach der Befreiung 1945, als ein russischer Soldat sie auf sein Pferd hob. Von oben habe sie den blauen Himmel und das grüne Gras gesehen und erstmals Freiheit gespürt.

Die Schüler zeigten sich tief beeindruckt von den Schilderungen und der Offenheit der Zeitzeugin. Der Besuch hinterließ eine klare Botschaft: Erinnern allein reicht nicht – Verantwortung für die Zukunft müsse aktiv übernommen werden.

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